Sexueller Missbrauch

Sexueller Missbrauch - Schritte zur Heilung

Sexueller Missbrauch in der Kindheit – Schritte der Heilung

Sexueller Missbrauch in der Kindheit hinterlässt bei Betroffenen tiefe Wunden, die sich anhaltend auf sämtliche Bereiche des Lebens auswirken können. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie schmerzhaft und herausfordernd es ist, sich mit den Folgen von Missbrauch auseinanderzusetzen. Doch um zu heilen, führt kein Weg daran vorbei. Du kannst Dir aber gewiss sein, dass es sich lohnt. Es ist um ein Vielfaches schwerer, mit den unverarbeiteten Erfahrungen zu leben. In diesem Beitrag stelle ich Dir vier bedeutsame Schritte vor, die Dir helfen können, den Heilungsprozess aktiv zu gestalten und wieder Kontrolle über Dein Leben zu gewinnen.

Sexueller Missbrauch in der Kindheit führt zu einem schweren Trauma, dass Dein Leben bewusst oder unbewusst in allen Lebensbereichen beeinflusst. Auf meiner Infoseite Traumaheilung habe ich acht Einflussfaktoren zusammengefasst, die für die Traumaheilung maßgeblich sind. Um von den Wunden sexueller Übergriffe zu heilen, sind jedoch teilweise andere oder zusätzliche Schritte notwendig. Im Folgenden habe ich vier Schritte herausgearbeitet, die mir geholfen haben und auch Dir helfen können.

1. Akzeptanz

Wenn Du sexuellen Missbrauch in Deiner Kindheit überlebt hast, kannst Du unheimlich stolz auf Dich sein. Es gibt keinen Grund, dies zu verstecken, vor allem nicht vor Dir selbst. Der erste Schritt zur Heilung besteht darin, Dir selbst zu glauben, dass der Missbrauch wirklich stattgefunden hat und dass er Dich nachhaltig verletzt hat. Du wirst nicht heilen, wenn Du leugnest, dass es so war.
Zu akzeptieren, dass es tatsächlich passiert ist, legt den Grundstein für Deine Heilung. Es ist der wichtigste Schritt und gleichzeitig auch mit der Schwerste. Aber warum fällt dieser Schritt so unsagbar schwer?

Wir können uns nicht bewusst an den Missbrauch erinnern.

Zu vergessen ist eine der häufigsten und wirkungsvollsten Methoden, mit denen Kinder auf sexuellen Missbrauch reagieren. Aber auch wenn Du keine Erinnerungen hast, so gibt es einen Teil in Dir, der um die Wahrheit weiß. Wenn vieles in Deiner Gefühls- und Erlebenswelt darauf hindeutet, dass Du als Kind sexuellen Übergriffen ausgeliefert warst, dann darfst Du jetzt anfangen, Deinen eigenen Wahrnehmungen zu vertrauen.

Sexueller Missbrauch - Fehlende Erinnerungen

Ich selbst konnte mich lange Zeit nicht an den Missbrauch in meiner Kindheit erinnern. Jedoch begleitete mich in meinem Leben eine anhaltende traurige Grundstimmung. Außerdem haben mich mein Verhältnis zu meinem Körper, zu Nähe und Sexualität sowie sich immer wiederholende Muster in zwischenmenschlichen Beziehungen vermuten lassen, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte.

Dass ich selbst betroffen bin, verstand ich erst durch die zunehmende Beschäftigung mit dem Thema Missbrauch. Als es dann beim Sex zu emotionalen und körperlichen Flashbacks kam, konnte ich es nicht länger leugnen. Ich musste akzeptieren, dass es passiert ist: Ich wurde als Kind sexuell missbraucht.

Wir verharmlosen, was uns passiert ist

Einige Überlebende erinnern sich an die sexuelle Gewalt, die sie erfahren haben aber sie bagatellisieren die Erfahrungen. Vielleicht ergeht es auch Dir so. Du vergleichst Dich mit anderen, denen vermeintlich schlimmere Dinge widerfahren sind und wertest dadurch Deine eigene Erfahrungswelt ab. Womöglich gibst Du Dir sogar selbst die Schuld und triffst Äußerungen, die so oder ähnlich lauten könnten:

    • Ich lebe ja schließlich noch.
    • Es tat mir ja nicht wirklich weh.
    • Ich wurde ja nicht vergewaltigt, sondern nur gestreichelt.
    • Ich hätte halt nicht kuscheln oder mich auf den Schoß setzen sollen.
    • Alle Kinder wurden früher ausgeschimpft, wenn sie sich an ihren Genitalien berührt haben.

Es ist wichtig zu begreifen, dass Du als Kind niemals Schuld daran hattest, wenn ein älteres Kind oder ein Erwachsener sexuelle Handlungen vor, an oder mit Dir verübt hat. Du trägst nicht die Verantwortung für diese Taten, sondern einzig und allein die Person, die sie ausgeführt hat.

Vielleicht hat man Dir gesagt, Du sollst Dich nicht so anstellen oder das das doch alles halb so wild ist. Indem Du das Dir Widerfahrene jetzt bagatellisierst, gehst Du womöglich genauso mit Dir selbst um, wie damals mit Dir umgegangen wurde.

Wir leugnen den Missbrauch

Wenn Du den Missbrauch Dein Leben lang verdrängen musstest, ist es normal, dass Du von Zeit zu Zeit an Deiner Erfahrung zweifelst. Der seelische Schmerz, der mit der Akzeptanz verbunden ist, erscheint zu groß. Vor allem dann, wenn der Täter oder die Täterin ein Familienmitglied ist oder Dir sehr nahe steht.

Ein Teil von uns will nicht wahrhaben, dass die Menschen, die wir so lieben, uns so schlimme Dinge angetan haben. Aber wenn wir die Tat leugnen, verlängern wir unseren Leidenszustand. Gelegentlich zu zweifeln, weil die Erinnerungen schmerzhaft sind, ist normal, aber das bedeutet nicht, dass der Missbrauch nicht geschehen ist.

Jemand hält sich selbst

Wir fürchten die Konsequenzen der Akzeptanz

Die Verwirrung als Folge von sexuellen Übergriffen bei Kindern zeigt sich sehr deutlich an der Angst, den Täter oder die Täterin zu Unrecht anzuklagen. Wir schämen uns überhaupt darüber nachzudenken und versuchen die Täter sogar zu schützen. Manchmal auch, weil wir befürchten, dass der Kontakt zu dieser Person dann leidet.

Dabei handelt es sich um gut funktionierende Überlebensmechanismen. Den Täter oder die Täterin zu schützen und die Aufrechterhaltung der Illusion eines harmonischen Miteinanders erscheinen kurzfristig betrachtet leichter, als die schmerzhafte Realität zu akzeptieren, geschweige denn auszusprechen.

2. Das Schweigen berechen

Der zweite wichtige Schritt zur Heilung des Missbrauchs besteht darin, das Schweigen zu brechen. Sexueller Missbrauch an Kindern und die Schamgefühle, die damit einhergehen, gedeihen in einer Atmosphäre des Schweigens. Nur wenn alle Beteiligten wegschauen, kann er ungesehen bleiben.

Du hast es bereits versucht?

Mit großer Wahrscheinlichkeit hast Du als Kind auf irgendeine Weise versucht auszudrücken, was Dir angetan wurde. Vielleicht hast Du sogar jemandem von dem Missbrauch erzählt. Vermutlich wurdest Du jedoch ignoriert oder nicht ernst genommen. Eventuell hat man Dich sogar als Lügner*in beschimpft oder Dir die Schuld gegeben. Oder wurde Dir immer wieder gesagt Du seist schlecht oder verrückt und hat Dich so zum Sündenbock der Familie gemacht?

„In Inzest Familien sind die Beziehungen verzerrt. Das Wichtigste – Grundvertrauen, Kommunikation und Sicherheit – fehlt, stattdessen gibt es Heimlichkeit, Isolation und Angst.“ Bass, Ellen & Davis, Laura (1990)

Wenn es Dir so oder ähnlich ergangen ist, hast Du verinnerlicht, dass das, was Du erfahren hast, zu schlimm ist, um ausgesprochen zu werden. Als Kind hast Du daraus gefolgert, dass Du selbst schlimm bist. Und so hast Du Dir angewöhnt zu schweigen, weil alles andere Deine Situation noch verschlimmert hätte.

Sexueller Missbrauch - Trauriger Junge

Vielleicht glaubst Du noch heute, dass es Dir schadet, wenn Du die Wahrheit aussprichst. Du hast Dich mit den Gefühlen von Scham und Einsamkeit arrangiert und bewusst oder unbewusst entschieden zu schweigen.

Wage einen neuen Versuch!

Selbst wenn Du in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit dem Aussprechen der Wahrheit gemacht hast, es ist nötig, es jetzt erneut zu versuchen. Dein Leben lang trägst Du dieses schwere Geheimnis auf Deinen Schultern und damit auch die Verantwortung für die Täter. Wenn Du zum ersten Mal aussprichst, was passiert ist, ist das unsagbar befreiend. In diesem Moment akzeptierst Du nämlich, dass Du ein Opfer warst und gibst die Verantwortung dahin zurück, wo sie hingehört. Zu den Tätern.

„Einer anderen Person zu erzählen, was geschehen ist, hat eine starke heilende Wirkung, die das demütigende Gefühl, ein Opfer zu sein, auflösen kann.“ Bass, Ellen & Davis, Laura (1990)

Vertraue Dich einem Menschen an, der Dich respektiert und schätzt, bei dem Du Dich sicher fühlst und bei dem Du auch früher bereits über Deine Gefühle sprechen konntest. Das kann auch ein Therapeut oder eine Therapeutin sein.

Wenn Du niemanden hast, dem Du Dich anvertrauen kannst, sind Selbsthilfegruppen eine gute Wahl. Hier triffst Du auf Menschen, die dasselbe durchgemacht haben wie Du. Sie werden Dir glauben und dadurch wirst Du lernen, Dir selbst zu glauben.

Sollte Dir auch das noch zu schwerfallen, dann schreibe es wenigstens für Dich auf. Dieses Eingeständnis ist sehr schmerzhaft und bringt Deine bisherige Realität – die Welt, die Du kreieren musstest, um zu überleben – ins Wanken. Aber aus eigener Erfahrung kann ich Dir sagen, dass es sich lohnt. Das Ende des Überlebens bedeutet, dass Du jetzt anfangen kannst, wirklich zu leben. Du wirst Dich selbst und das Leben mit der Zeit auf neue, bessere und kraftvollere Weise erfahren können.

Indem Du das Schweigen brichst,
wirst zum Vorbild für andere Betroffene
und leistest einen wertvollen Beitrag
zur Beendigung von Missbrauch an Kindern.

3. Distanz zu den Tätern

Wenn Du annimmst, den eigenen Missbrauch aufarbeiten zu können, während Du weiterhin im Kontakt mit den Tätern stehst, handelt es sich vermutlich um eine Vermeidungsstrategie, mit der Du auch Mitgefühl für Dich selbst untergräbst.

Du musst Dir bewusst darüber werden, dass in Dir noch immer dieses kleine Kind ist, das dem Missbrauch schutzlos ausgeliefert war. Es sind die Gefühle des inneren Kindes, die für Deine Heilung gefühlt und integriert werden wollen. Dieser kindliche Anteil in Dir muss sich absolut sicher fühlen, damit er sich Dir zeigt und es liegt an Dir dafür zu sorgen!

Inneres Kind

Erst wenn Du Mitgefühl für Dich selbst und Deine Missbrauchserfahrungen entwickelst, kann sich auch Deine unterdrückte Wut auf die Täter ausdrücken. Das ist ein notwendiger und heilsamer Schritt und es gibt keinen Grund, Dich dafür zu schämen oder schuldig zu fühlen. Du bist heute erwachsen und selbst verantwortlich für Dein Leben. Es ist Deine Pflicht, alles Notwendige zu unternehmen, um zu heilen und den Missbrauch aus Deiner Kindheit aufzuarbeiten.

Kontakt zu den Tätern sollte auf dem Heilungsweg nur dann eine Option sein, wenn diese bereit sind, Dir zu glauben, die Taten offen zuzugeben, Reue auszusprechen und sich in therapeutische Hilfe zu begeben. Aber wie realistisch ist es, dass dieser Fall eintritt, wenn Du die Täter mit Deiner Erfahrung konfrontierst?

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sie Dich weiterhin nicht ernst nehmen und die Taten abstreiten oder herunterspielen. Mit Sätzen wie „Lass die Vergangenheit doch endlich mal ruhen“, wollen sie weitere Konfrontationen vermeiden. In einem Umfeld, dass die Wahrheit verleugnet, kannst Du nicht heilen. Also lass Dich davon bitte nicht unterkriegen!

Verbinde Dich mit Menschen, die Dir glauben, Dich ernst nehmen und Dir helfen, Deine Traumatisierungen aufzuarbeiten. Und scheue Dich nicht davor, Dir therapeutische Unterstützung zu suchen.

Vor allem, wen es sich bei den Tätern und Mittätern um Mitglieder der eigenen Familie handelt, ist die Vorstellung eines Kontaktabbruchs mit großen Ängsten und Zweifeln verbunden. Du solltest Dir im Klaren darüber sein, dass in Familien mit Traumahintergrund oft massive Verstrickungen wirken.  Wie Du diese auflösen kannst, erfährst Du in diesem Beitrag: 

4. Finde Dein Wofür

Der Weg der Ganzwerdung nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit ist schmerzhaft und lang. Aber es lohnt sich in ihn zu gehen, denn mit jedem neuen Schritt, entwickelst Du mehr Kraft und Zuversicht.

Hinter den Traumagefühlen wartet ein neues Leben auf Dich. Es ist das Leben, das Du von Anfang an verdient hast! Du selbst kannst Dir dieses Leben jetzt schenken!

Um auf dem Weg zu bleiben und bei Herausforderungen nicht aufzugeben, hilft Dir ein Wofür! Finde also einen Grund, der Dich daran erinnert, warum Du das alles machst. Entdecke Deine persönlichen Kraftquellen und schöpfe so oft wie möglich aus ihnen. Versuch an etwas zu glauben, das größer ist als Du. Finde heraus, wofür es sich lohnt zu leben. Und dann fang damit an!

Heilung sexueller Missbrauch

Bei mir war es zunächst eine innere Stimme, die mir immer wieder zugeflüstert hat, dass es einen Sinn für all das geben muss. Ich wusste insgeheim, dass ich nicht umsonst auf dieser Welt bin und ich wollte herausfinden, warum.

Nachdem ich die Schritte eins bis drei umgesetzt hatte, entstand in mir der Wunsch, anderen Menschen zu helfen, denen Ähnliches widerfahren ist. Auf diese Weise habe ich meine Berufung erkannt, nämlich das Schreiben, das ich schon von klein auf liebte. Dieses Wofür ist mein Antreiber. Es motiviert mich, am Ball zu bleiben und schenkt mir Kraft.

Wenn Du keine Idee hast, was Dein Wofür ist, dann begib Dich auf die Suche! Bist Du vielleicht auch schon immer einer Sache sehr gerne nachgegangen? Gibt es etwas in Deinem Leben, dass Dir Kraft und Zuversicht schenkt? Hast Du womöglich Kinder, deren Wohlergehen zu Deinem Wofür werden kann? Für ein Kind gibt es wahrscheinlich kein wertvolleres Geschenk als Eltern, die sich trauen hinzusehen, um zu heilen!

Ein Wofür hast Du mit Sicherheit schon jetzt:
Für Dich selbst ein freies und erfülltes Leben gestalten!

Mit diesen vier Schritten hast auch Du die Möglichkeit, Einfluss auf Deine Heilung nach sexuellem Missbrauch zu nehmen. Bitte gehe ganz behutsam und in Deiner Zeit einen Schritt nach dem anderen. Mach Dir immer wieder bewusst, dass Du das Schlimmste, den Missbrauch selbst, bereits überlebt hast.

Besinne Dich darauf, dass diese schrecklichen Erfahrungen Dich auch stark gemacht haben. Solltest Du Dir Deiner Stärken (noch) nicht bewusst sein, hilft Dir vielleicht die Übung für mehr Selbstwertgefühl auf meiner Für Dich-Seite oder die Übung aus dem Beitrag Missbrauch und Trauma als Chance.

Ich glaube fest an Dich und weiß, dass auch Du Schritt für Schritt von Deinen Wunden heilen kannst. Vergiss bitte nie: 

Es ist schön, dass Du da bist!

Wertvolle Buchempfehlung

Wenn Du Dich tiefer mit dem Thema auseinandersetzen möchtest, empfehle ich Dir das Buch *Trotz allem – Wege zur Selbstheilung für Frauen mit Erfahrung sexueller Gewalt von Ellen Bass und Laura Davis.

Dieser einfühlsame Leitfaden bietet Frauen, die sexuelle Gewalt in der Kindheit erlebten, sowie denen, die sie unterstützen möchten, wertvolle Unterstützung. Die Autoren verbinden persönliche Geschichten mit professioneller Expertise und helfen den Leserinnen, sich ihrer Vergangenheit zu stellen und Heilung zu finden. Mit klaren Erklärungen und praktischen Tipps bietet dieses Werk eine mitfühlende Orientierung für den Weg zurück zu sich selbst.

Quellenverweise: 

Bass, Ellen & Davis, Laura (1990): Trotz allem. Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen, 1. Ausgabe, Berlin

Aktuelle Beiträge

Sexueller Missbrauch Bestandsaufnahme

Missbrauch und Trauma als Chance? Übung mit persönlicher Bestandsaufnahme

Heute möchte ich mit Dir eine Übung teilen, die ich dem Buch „Trotz allem – Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen“ von Ellen Bass und Laura Davis entnommen habe.
 
Mithilfe dieser Übung wirst Du Dir über die Folgen durch sexuellen Missbrauch oder auch anderer Traumatisierungen bewusst. Oft sind die Auswirkungen solch schrecklicher Erfahrungen verheerend und begleiten uns meist unser ganzes Leben lang. Sobald wir jedoch die Kraft und den Mut aufbringen hinzusehen, können wir erkennen, dass wir durch unsere schlimmen Erfahrungen auch Stärken entwickelt haben. Diese Übung wendet sich beiden Seiten zu.
 

Um Dir die Übung greifbarer zu machen, findest Du im weiteren Verlauf Erläuterungen und beispielhafte Ausführungen zu den beiden Übungsfragen. Sie dienen Dir als Orientierung und Unterstützung, damit Du die Übung auch für Dich selbst durchführen kannst. Denn dadurch kannst Du herausfinden, wo Du Dich auf Deinem Weg der Ganzwerdung gerade befindest. Vielleicht wirst Du Dir bewusst, was Du ab sofort loslassen willst und bestimmt findest Du heraus, welchen Fähigkeiten und Stärken Du mehr Aufmerksamkeit schenken möchtest.

Die Übung

„Schreib auf, wie Du heute noch unter dem Missbrauch leidest. Was trägst Du immer noch mit Dir herum in Bezug auf Dein Selbstwertgefühl, Deine Arbeit, Deine Beziehungen, Deine Sexualität? Wo ist Dein Leben immer noch schmerzhaft, eingeschränkt?

Schreib über die Stärken, die Du infolge des Missbrauchs entwickelt hast. Denk darüber nach, was es Dich gekostet hat zu überleben. Welche Eigenschaften haben Dir geholfen, es zu schaffen? Beharrlichkeit? Flexibilität? Autonomie? Schreibe mit Stolz über Deine Stärken.“ (Ellen Bass & Laura Davis, 2001)

Wie leidest Du heute noch unter dem Missbrauch?

Häufig ziehen sich die Folgen von sexuellem Missbrauch oder anderen frühen Traumatisierungen durch das gesamte Leben. Selbst wenn Du Dich bereits auf Deinem Heilungsweg befindest, schon vieles reflektiert und verstanden hast und vielleicht auch schon deutliche Fortschritte erkennen kannst, zeigen sich frühe Prägungen in bestimmten Lebensbereichen immer wieder.

Alte Erfahrungen wirken oft im Hintergrund weiter, aber nicht, weil Du versagt hast, sondern weil Dein Nervensystem gelernt hat, auf bestimmte Weise zu reagieren. Es geht bei der Übung also nicht um Schuldzuweisung oder Selbstverurteilung. Es geht darum, ehrlich wahrzunehmen, wo alte Verletzungen noch Einfluss haben. Denn erst wenn Dir bewusst wird, wie sich die Vergangenheit im Heute zeigt, kannst Du beginnen, neue Erfahrungen zu ermöglichen.

1. Selbstwert und Selbstbild

Viele Betroffene tragen ein tief verankertes Gefühl in sich, „nicht richtig“ zu sein. Auch wenn sie nach außen kompetent und stabil wirken, kann innerlich ein brüchiges Selbstwertgefühl bestehen.

Vielleicht fällt es Dir schwer, Dich selbst ernst zu nehmen. Womöglich stellst Du Deine Bedürfnisse zurück oder glaubst, weniger wert zu sein als andere. Vielleicht schämst Du Dich für etwas, das niemals Deine Schuld war.

Scham und Selbstzweifel gehören zu den häufigsten und hartnäckigsten Folgen sexueller Gewalt.

2. Nähe, Bindung und Beziehungen

Im Laufe des Lebens zeigen sich bei Betroffenen häufig Schwierigkeiten mit Bindung und emotionaler Nähe. Einerseits besteht eine tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit, andererseits löst genau diese Nähe Angst aus.

Oft wird erst durch intensive Selbstreflexion oder durch entsprechende Fachliteratur deutlich, wie ausgeprägt eigene Bindungsängste sein können. Nicht selten ziehen Menschen Partner an, die ähnliche Themen mitbringen. Dadurch entstehen Dynamiken, die herausfordernd sind und Nähe gleichzeitig herbeisehnen und unbewusst verhindern.

Dabei geht es nicht zwangsläufig um „toxische Beziehungen“. Zwei Menschen können sehr bewusst an sich arbeiten und dennoch Verhaltensweisen zeigen, die Nähe erschweren.

Bindung und Nähe in Beziehungen

3. Sexuelle Nähe

Sexualität ist ein Bereich, der nach sexuellem Missbrauch besonders herausfordernd sein kann.

Eventuell ist Sexualität mit Scham, Angst oder innerer Abspaltung verbunden. Womöglich funktioniert sie mechanisch, ohne wirkliche Verbindung zum eigenen Körper. Oder sie wird gänzlich vermieden, weil sie überwältigend oder triggernd wirkt. Manche erleben auch das Gegenteil: ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung oder Grenzverwischungen, ohne die eigenen Bedürfnisse klar wahrnehmen zu können.

Sexualität kann sehr widersprüchliche Gefühle auslösen – Sehnsucht und Abwehr zugleich. Diese Ambivalenz ist kein Zeichen eines Defekts, sondern eine nachvollziehbare Folge früher Grenzverletzungen.

Sexualität nach Missbrauch und Heilung - Ganzwerdung

Sexualität nach Missbrauch - Und wie Heilung gelingen kann

In diesem Beitrag teile ich mit Dir, wie die körperlichen und emotionalen Folgen Folgen nach Missbrauch aussehen können und wie Heilung möglich werden kann.

4. Arbeit und berufliche Selbstverwirklichung

Auch im beruflichen Kontext können sich belastende Traumafolgen zeigen.

Fällt es Dir schwer, Dein Potenzial wirklich zu leben, obwohl Du Fähigkeiten und Ideen hast? Sabotierst Du Dich womöglich selbst kurz vor wichtigen Schritten? Oder definierst Du Deinen Wert ausschließlich über Leistung und Funktionieren?

Manche Betroffene überarbeiten sich, um nicht fühlen zu müssen. Andere haben Schwierigkeiten, Verantwortung zu übernehmen oder sichtbar zu werden, weil Erfolg unbewusst mit Sichtbarkeit und demnach mit Gefahr verbunden ist.


5. Sichtbarkeit und Selbstausdruck

Sichtbar zu sein bedeutet, gesehen zu werden. Für viele Betroffene ist genau das mit großen Ängsten verbunden. Wenn „gesehen werden“ früher mit Angst, Scham oder Ausgeliefertsein verbunden war, kann öffentliche Präsenz im Erwachsenenalter innere Alarmreaktionen auslösen.

Vielleicht möchtest Du Dich zeigen – mit Deiner Meinung, Deiner Kreativität, Deinem Wissen – und gleichzeitig taucht eine diffuse Angst auf. Vielleicht hast Du gelernt, Dich klein zu machen, nicht aufzufallen, Dich lieber zurückzuhalten.

6. Körperwahrnehmung und Gesundheit

Trauma wird im Körper gespeichert. Viele Betroffene berichten von chronischer Anspannung, Schlafproblemen, diffusen Schmerzen oder einem Gefühl von Taubheit.

Hast Du Schwierigkeiten, Deinen Körper wirklich zu spüren? Oder plagen Dich ständige körperliche Beschwerden? Vielleicht fühlst Du Dich auch einfach schnell überreizt und überfordert?

Manche entwickeln ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Körper, zu Essen oder zu Bewegung. Der Körper wird entweder kontrolliert oder gemieden und selten einfach liebevoll bewohnt.

7. Emotionale Regulation

Starke Gefühlsausbrüche, plötzliche Erstarrung oder innere Leere können Hinweise darauf sein, dass alte Erfahrungen noch im Nervensystem wirken.

Vielleicht reagieren Deine Gefühle manchmal intensiver, als es die Situation erklären würde. Oder Du spürst lange Zeit gar nichts und funktionierst nur. Beides sind Schutzmechanismen, die einst sinnvoll waren – heute aber zur Belastung geworden sind.

8. Umgang mit Kindern oder Autoritäten

Häufig werden alte Dynamiken aktiviert, wenn Kontakt mit Kindern oder auch mit Autoritätspersonen besteht. Kinder können eigene verletzte Anteile berühren. Autoritäten können unbewusst an die frühere Ohnmacht erinnern.  

Folgen von Missbrauch - Umgang mit Kindern

Vielleicht fällt es Dir schwer, klare Grenzen zu setzen.
Oder Du reagierst übermäßig sensibel auf Kritik oder Machtgefälle.

Diese inneren Konflikte sind oft schwer auszuhalten. Sie berühren tiefe, schmerzhafte Erinnerungen. Und sie machen deutlich, wie stark Trauma generationsübergreifend wirken kann, wenn es nicht bewusst angeschaut wird.

Gerade in solchen Bereichen wird oft klar, dass zusätzliche therapeutische Begleitung sinnvoll und entlastend sein kann. Manche Themen lassen sich nicht allein lösen.

All diese Bereiche zeigen, dass die Folgen von Trauma und Missbrauch nicht auf einen einzelnen Aspekt begrenzt sind. Sie durchziehen häufig Dein gesamtes Erleben – von der Beziehung zu Dir selbst bis hin zu Deiner Rolle in der Welt.

Traumaheilung bedeutet nicht, keine Verletzungen mehr zu haben oder die Folgen von heute auf morgen zu beseitigen. Sie bedeutet vielmehr, dass die Verletzungen nicht länger Dein Leben bestimmen. Dafür braucht es den Mut, immer wieder hinzuschauen und das zu fühlen, was sich zeigt – in Deinem Tempo und nur so weit, wie es sich für Dich stimmig anfühlt.

Wenn Du Dir Deiner Traumatisierungen bewusst wirst, kannst Du nach und nach auch Deine Überlebensmechanismen erkennen. Eigenschaften, die Dir einst geholfen haben zu überleben, dürfen sich dann wandeln. Aus Schutzstrategien können Ressourcen werden. Aus Anpassung kann Selbstbestimmung entstehen.

Sexueller Missbrauch - Schritte zur Heilung

Sexueller Missbrauch in der Kindheit - Schritte der Heilung

Wenn Du gerade dein Eindruck hast, dass Dir Dein Leben aus den Händen gleitet oder Du den Boden unter den Füßen verlierst, weil sexueller Missbrauch aus Deiner Kindheit sich in Dein Bewusstsein drängt, soll dieser Beitrag Dir aufzeigen, wie Du Einfluss auf die belastende Situation nehmen kannst.

Welche Stärken hast Du durch die Traumatisierungen und den Missbrauch entwickelt?

Viele Betroffene haben über Jahre hinweg schlicht überlebt. Manche haben sich betäubt – durch Substanzen, durch Arbeit, durch ständiges Funktionieren oder durch innere Abspaltung. Andere haben auf ganz unterschiedliche Weise versucht, ihren Alltag irgendwie zu bewältigen.

Rückblickend kann dabei oft das Gefühl entstehen, wertvolle Lebenszeit verloren zu haben. Vielleicht taucht auch die Frage auf: Wo würde ich heute stehen, wenn meine Kindheit anders verlaufen wäre? So verständlich diese Gedanken sind – die Vergangenheit lässt sich nicht zurückdrehen. Die Frage nach dem „Was wäre gewesen, wenn …?“ führt selten weiter.

Heilsamer ist es, den Blick auf das Hier und Jetzt zu richten: Wer bist Du heute – MIT den Erfahrungen, die Du machen musstest? Welche Fähigkeiten haben Dir damals das Überleben ermöglicht? Und welche dieser Eigenschaften zeigen sich heute als wertvolle Stärken?

Es geht nicht darum, das Erlebte zu beschönigen, sondern darum, Dein gesamtes Bild zu sehen. Im Folgenden findest Du einige Stärken, die Du aus Deinen Traumatisierungen ableiten kannst. Welche entdeckst Du bei Dir selbst noch?

Autonomie
Als Kind habe ich nicht die Zuwendung und Nähe erfahren, die ich verdient und gebraucht hätte. Zudem waren die Erfahrungen, die ich mit Nähe machen musste, zutiefst verletzend und verwirrend für mich. Aus diesem Grund habe ich mir früh angeeignet allein zurecht zu kommen. Noch heute höre ich meine Mutter, wie sie mich dafür lobte, dass ich mich so gut allein beschäftigen konnte. Was damals aber eine Notlösung war, kann ich heute als Stärke betrachten. Durch das Alleinsein habe ich gelernt allein Lösungen für meine Probleme zu finden. Heute weiß ich, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur will.  

Optimismus
Um die schrecklichen Geschehnisse meiner Vergangenheit zu überleben, brauchte ich viele Überlebensstrategien. Eine davon war, mein Umfeld zu idealisieren und Kleinigkeiten etwas Positives abzugewinnen. Im Laufe der Zeit wurde daraus die Fähigkeit, die Dinge aus einer optimistischen Perspektive zu betrachten. So gelingt es mir, in allen Geschehnissen seien sie auch noch so schlimm, die Lernaufgaben und Geschenke zu erkennen.

Optimistische Frau

Resilienz & Durchhaltevermögen
Meine gesamte Kindheit hindurch war ich gezwungen, in einem traumatisierenden Umfeld auszuharren. Auch als ich als neunjähriges Mädchen plötzlich in dem angsteinflößenden Umfeld der psychiatrischen Klinik zurechtkommen musste, habe ich mithilfe innerer Ressourcen überlebt. Ich habe mir eine große Widerstandsfähigkeit angeeignet und gelernt, Krisensituationen durchzustehen. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass Resilienz und Durchhaltevermögen Fähigkeiten sind, die mir in vielerlei Lebenslagen zu Gute kommen.  

Achtsamkeit
Um zusätzlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen, musste ich als Kind meine Umgebung permanent nach Solchen abscannen. Ich glaube, dass meine sechs Sinne heute deshalb so ausgeprägt sind, weil ich sie früher dazu einsetzen musste, nahende Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Durch diesen Wachsamkeitsmodus habe ich gelernt, Menschen und Situationen aufmerksam zu beobachten. Dabei nehme ich Details wahr, die andere gar nicht bemerken, was mir wiederum ermöglicht, gut auf andere Menschen einzugehen.

Humor
Obwohl auch mein Vater mich auf verschiedene Arten missbraucht hat und ich mich vor ihm gefürchtet habe, wenn er an den Wochenenden betrunken nach Hause kam, war er in meiner Familie mein Anker. Er war der Einzige, der Zeit mit mir verbrachte und viel mit mir rumalberte. Eine seiner stärksten Überlebensstrategien war Spaß und die habe ich mir von ihm abgeschaut. Lange Zeit verhinderte diese Strategie bei mir, dass ich mich selbst ernst nehmen konnte. Aber meine humorvolle Art hat mir im Leben viele Türen geöffnet, sowohl bei Freundschaften als auch im Beruf. Heute nehme ich mich ernst und kann mit Stolz auf meine Fähigkeit blicken, angespannte Situationen aufzulockern und Menschen zum Lachen zu bringen.

Kreativität
Weitere wichtige Überlebensstrategien in meiner Kindheit waren für mich Malen, Basteln und Schreiben. Wenn ich gemalt oder gebastelt habe, konnte ich alles um mich herum vergessen. Ich bin richtig abgetaucht in die Welt meiner Bilder und Kunstobjekte. Später lebte ich meine Kreativität im Schreiben von Tagebüchern, Gedichten, Kurzgeschichten und Jugendromanen. Heute im Schreiben von Blogbeiträgen. Mein kreatives Denken und mein Sinn für Ästhetik sind Stärken, für die ich heute sehr dankbar bin.

Es sind im Leben oft unsere Verletzungen, die uns dazu bringen, in neue Richtungen zu denken und die die Tür zu unserem wahren Selbst zu öffnen. Wir erfahren uns und unsere Gefühle auf einer tieferen Ebene und dürfen in sämtlichen Lebensbereichen neu lernen, sobald wir uns unseren Wunden zuwenden.

Diese Übung hilft Dir nicht nur dabei, den Blick auf die Traumatisierungen zu richten, sondern auch die eigenen Überlebensmechanismen von damals im Jetzt als Stärken zu erkennen.

Wenn es Dir schwerfällt, Fähigkeiten oder Stärken bei Dir zu identifizieren, kannst Du auch die Übung für mehr Selbstwertgefühl auf meiner Für Dich-Seite machen. Sie kostet Dich nur 60 Minuten und wird Dir unmittelbar zu einem besseren Selbstwertgefühl verhelfen!

Viel Freude beim selber Durchführen der Übung!

Schön, dass Du da bist!

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