Was ist Trauma?

Der vorliegende Text soll ein grundlegendes Verständnis darüber vermitteln, was es mit dem Begriff Trauma auf sich hat. Dazu schildere ich die klassischen Mechanismen, die einsetzen, wenn ein Mensch traumatisiert wird. Außerdem beschreibe ich die drei wesentlichen Anteile, die sich nach einer psychischen Spaltung herausbilden und gehe kurz auf die Folgen der Spaltung ein.

 

Ungleichgewicht im Nervensystem

Von Trauma ist die Rede, wenn der Mensch bedrohlichen und überwältigenden Erfahrungen ausgesetzt ist, welche so viel Stress auslösen, dass er diesen mit seinen klassischen Bewältigungsmechanismen nicht mehr begegnen kann.

Es kommt zu einer Übererregung des Nervensystems und der Körper bereitet sich auf Angriff, Kampf oder Flucht vor, um sich vor Gefahr zu schützen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Gefahr tatsächlich besteht oder nur vermeintlich. Der Mensch reagiert mit einer Aktivierung des gesamten Organismus: 

  • Stimulation des Sympathikus
  • Ausschüttung von Adrenalin
  • Anspannung der Muskulatur
  • Beschleunigung der Herzfrequenz
  • Erhöhung des Blutdrucks und der Atemfrequenz
  • Vermehrtes Schwitzen

Wenn es gelingt die Gefahr abzuwenden, kann sich das Nervensystem wieder regulieren und ein Gefühl von Sicherheit entsteht. Problematisch wird es aber dann, wenn die Übererregung zum Dauerzustand für unser System wird. Das ist dann der Fall, wenn wir chronische Zustände von Ohnmacht oder Ausgeliefertsein empfinden und unsere klassischen Stressreaktionen wie Kampf- und Fluchtmechanismen keine Lösung bieten.


Notfallreaktionen

In so einem Fall greifen Körper und Psyche auf ein Notfallprogramm zurück und fahren sämtliche Funktionen auf ein Minimum herunter. Wir ergeben uns sozusagen dem Unvermeidlichen. Unser Bewusstsein zieht sich zurück, wir erstarren und spalten sämtliche Empfindungen ab:

  • die Atmung wird flach
  • die Herzfrequenz sinkt auf ein Minimum
  • die Muskelspannung ist äußert gering 
  • die Magen-Darm-Tätigkeit kommt fast zum Erliegen

Es kommt auch zu einer inneren Spaltung der Psyche, die das Ziel verfolgt das schmerzhafte Geschehen und die damit verbundenen unerträglich scheinenden Gefühle ins Unbewusste zu verdrängen. Dieser Vorgang heißt Dissoziation.

Die gespaltene Psyche umfasst im Wesentlichen drei Teile:

Was ist Trauma Spaltungsmodell
*Grafik in Anlehnung an Brougton, Vivian (2016): Zurück in mein Ich – Das kleine Handbuch zur Traumaheilung. 4 Edition, München
  • Unverletzter Anteil
  • Traumatisierter Anteil
  • Überlebens Anteil

Der traumatisierte Anteil ist der Anteil, welcher der Trauma Situation physisch und psychisch ausgesetzt war. Er beinhaltet die Gefühle von Schmerz, Angst, Ohnmacht, Hilflosigkeit etc. die in der bedrohlichen Situation nicht zu bewältigen waren und daher abgespalten werden mussten. Er ist dadurch in seiner Entwicklung blockiert.

Der Überlebensanteil verfolgt das Ziel alle Empfindungen, Gefühle und ggf. Erinnerungen der Trauma Situation zu verbannen. Dazu entwickelt er komplexe Strategien und vermeidet Situationen, die das Trauma erneut auslösen könnten. Wenn es zu weiteren Traumatisierungen kommt, können sich mehrere Überlebensanteile herausbilden.

Der unverletzte Anteil wünscht sich Heilung, weil er weiß, dass irgendetwas fehlt. Er hat einen klaren Bezug zur Realität, ist zuversichtlich und kann gute Entscheidungen treffen, wie zum Beispiel sich Hilfe zu suchen. Dieser Anteil ist in der Lage seine Gefühle auszudrücken, gute Beziehungen zu gestalten und die traumatischen Erfahrungen anzuerkennen. 

Folgen der Spaltung

So gut es diese Schutzfunktionen auch mit uns meinen, haben sie einen großen Nachteil. Es kommt nach dem Ende der traumatisierenden Situationen leider nicht von selbst zur Integration der abgespaltenen psychischen Fragmentierungen.  Anteile des Menschen bleiben gewissermaßen in der Erfahrung stecken. Dies führt dann unter anderem zu anhaltenden Gefühlen von Bedrohung, Einschränkungen im Ausdruck der eigenen Lebendigkeit, Problemen in der Selbstwahrnehmung sowie im zwischenmenschlichen Kontakt.

Was ist Trauma

 

Auch die in der Trauma Situation erzeugte körperliche Energie und Anspannung bleibt im Körper gespeichert, wodurch sich unser System in einer Daueraktivierung befindet. Die Folgen sind eine ständige innere Unruhe und das Gefühl sich nie wirklich ausruhen zu können. Aber auch das scheinbare Gegenteil kann der Fall sein – chronische Erschöpfung, völliges Unbeteiligt sein und Gefühlstaubheit.  

⇒ Zum Beitrag: Entspannungsmethoden nach Trauma – Welche Techniken wirklich helfen

Trauma Opfer berichten häufig, dass sie sich von anderen abgeschnitten fühlen, woraus sie schließen, mit ihnen würde etwas nicht stimmen. In Wahrheit sind es jedoch die abgespaltenen Fragmentierungen, die von ihnen abgeschnitten sind und wieder integriert werden wollen.

Natürlich reagiert nicht jeder Mensch gleich auf traumatische Erfahrungen. Was bei einem bereits zu belastenden Folgen führt, verarbeitet jemand anderes womöglich schneller und problemloser.  Die aktuellen Lebensumstände, das familiäre Miteinander, Vertrauen zu Bezugspersonen sowie die eigenen Ressourcen zur Stressbewältigung sind wesentliche Einflussfaktoren auf den Umgang mit Trauma.

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Quellenverweise: 

Broughton, Vivian (2016): Zurück in mein Ich: Das kleine Handbuch zur Traumaheilung mit einem Nachwort von Franz Ruppert, 4. Edition, München

Klein, Gopal Norbert (2019): Innere Landkarte – Wie Trauma sich im persönlichen Erleben auswirken kann. Abgerufen am 26.02.21, von https://www.traumaheilung.net/texte/innere-landkarte/

Klein, Gopal Norbert (2019): Traumaheilung und Spiritualität. Abgerufen am 29.01.21, von https://www.traumaheilung.net/texte/traumaheilung-und-spiritualitaet/

Porges, Stephen (2010): Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit: Traumabehandlung, soziales Engagement und Bindung. 4. Aufl., Lichtenau

Ruppert, Franz (2019): Liebe, Lust und Trauma: Auf dem Weg zur gesunden sexuellen Identität, 1. Aufl., München

Ruppert, Franz (2012): Trauma, Angst und Liebe: Unterwegs zu gesunder Eigenständigkeit. Wie Aufstellungen dabei helfen, 6. Edition, München

Thimm, Mathias (2019): Der Poyvagalkreis. Abgerufen am 06.05.21, von http://familiebeziehungtrauma.blogspot.com/2019/08/der-polyvagal-kreis.html