Missbrauch und Trauma als Chance? Übung mit persönlicher Bestandsaufnahme

Heute möchte ich mit Dir eine Übung teilen, die ich dem Buch „Trotz allem – Wege zur Selbstheilung für sexuell missbrauchte Frauen“ von Ellen Bass und Laura Davis entnommen habe.
 
Mithilfe dieser Übung wirst Du Dir über die Folgen durch sexuellen Missbrauch oder auch anderer Traumatisierungen bewusst. Oft sind die Auswirkungen solch schrecklicher Erfahrungen verheerend und begleiten uns meist unser ganzes Leben lang. Sobald wir jedoch die Kraft und den Mut aufbringen hinzusehen, können wir erkennen, dass wir durch unsere schlimmen Erfahrungen auch Stärken entwickelt haben. Diese Übung wendet sich beiden Seiten zu.
 

Um Dir die Übung greifbarer zu machen, findest Du im weiteren Verlauf Erläuterungen und beispielhafte Ausführungen zu den beiden Übungsfragen. Sie dienen Dir als Orientierung und Unterstützung, damit Du die Übung auch für Dich selbst durchführen kannst. Denn dadurch kannst Du herausfinden, wo Du Dich auf Deinem Weg der Ganzwerdung gerade befindest. Vielleicht wirst Du Dir bewusst, was Du ab sofort loslassen willst und bestimmt findest Du heraus, welchen Fähigkeiten und Stärken Du mehr Aufmerksamkeit schenken möchtest.

Die Übung

„Schreib auf, wie Du heute noch unter dem Missbrauch leidest. Was trägst Du immer noch mit Dir herum in Bezug auf Dein Selbstwertgefühl, Deine Arbeit, Deine Beziehungen, Deine Sexualität? Wo ist Dein Leben immer noch schmerzhaft, eingeschränkt?

Schreib über die Stärken, die Du infolge des Missbrauchs entwickelt hast. Denk darüber nach, was es Dich gekostet hat zu überleben. Welche Eigenschaften haben Dir geholfen, es zu schaffen? Beharrlichkeit? Flexibilität? Autonomie? Schreibe mit Stolz über Deine Stärken.“ (Ellen Bass & Laura Davis, 2001)

Wie leidest Du heute noch unter dem Missbrauch?

Häufig ziehen sich die Folgen von sexuellem Missbrauch oder anderen frühen Traumatisierungen durch das gesamte Leben. Selbst wenn Du Dich bereits auf Deinem Heilungsweg befindest, schon vieles reflektiert und verstanden hast und vielleicht auch schon deutliche Fortschritte erkennen kannst, zeigen sich frühe Prägungen in bestimmten Lebensbereichen immer wieder.

Alte Erfahrungen wirken oft im Hintergrund weiter, aber nicht, weil Du versagt hast, sondern weil Dein Nervensystem gelernt hat, auf bestimmte Weise zu reagieren. Es geht bei der Übung also nicht um Schuldzuweisung oder Selbstverurteilung. Es geht darum, ehrlich wahrzunehmen, wo alte Verletzungen noch Einfluss haben. Denn erst wenn Dir bewusst wird, wie sich die Vergangenheit im Heute zeigt, kannst Du beginnen, neue Erfahrungen zu ermöglichen.

1. Selbstwert und Selbstbild

Viele Betroffene tragen ein tief verankertes Gefühl in sich, „nicht richtig“ zu sein. Auch wenn sie nach außen kompetent und stabil wirken, kann innerlich ein brüchiges Selbstwertgefühl bestehen.

Vielleicht fällt es Dir schwer, Dich selbst ernst zu nehmen. Womöglich stellst Du Deine Bedürfnisse zurück oder glaubst, weniger wert zu sein als andere. Vielleicht schämst Du Dich für etwas, das niemals Deine Schuld war.

Scham und Selbstzweifel gehören zu den häufigsten und hartnäckigsten Folgen sexueller Gewalt.

2. Nähe, Bindung und Beziehungen

Im Laufe des Lebens zeigen sich bei Betroffenen häufig Schwierigkeiten mit Bindung und emotionaler Nähe. Einerseits besteht eine tiefe Sehnsucht nach Verbundenheit, andererseits löst genau diese Nähe Angst aus.

Oft wird erst durch intensive Selbstreflexion oder durch entsprechende Fachliteratur deutlich, wie ausgeprägt eigene Bindungsängste sein können. Nicht selten ziehen Menschen Partner an, die ähnliche Themen mitbringen. Dadurch entstehen Dynamiken, die herausfordernd sind und Nähe gleichzeitig herbeisehnen und unbewusst verhindern.

Dabei geht es nicht zwangsläufig um „toxische Beziehungen“. Zwei Menschen können sehr bewusst an sich arbeiten und dennoch Verhaltensweisen zeigen, die Nähe erschweren.

Bindung und Nähe in Beziehungen

3. Sexuelle Nähe

Sexualität ist ein Bereich, der nach sexuellem Missbrauch besonders herausfordernd sein kann.

Eventuell ist Sexualität mit Scham, Angst oder innerer Abspaltung verbunden. Womöglich funktioniert sie mechanisch, ohne wirkliche Verbindung zum eigenen Körper. Oder sie wird gänzlich vermieden, weil sie überwältigend oder triggernd wirkt. Manche erleben auch das Gegenteil: ein starkes Bedürfnis nach Bestätigung oder Grenzverwischungen, ohne die eigenen Bedürfnisse klar wahrnehmen zu können.

Sexualität kann sehr widersprüchliche Gefühle auslösen – Sehnsucht und Abwehr zugleich. Diese Ambivalenz ist kein Zeichen eines Defekts, sondern eine nachvollziehbare Folge früher Grenzverletzungen.

Sexualität nach Missbrauch und Heilung - Ganzwerdung

Sexualität nach Missbrauch - Und wie Heilung gelingen kann

In diesem Beitrag teile ich mit Dir, wie die körperlichen und emotionalen Folgen Folgen nach Missbrauch aussehen können und wie Heilung möglich werden kann.

4. Arbeit und berufliche Selbstverwirklichung

Auch im beruflichen Kontext können sich belastende Traumafolgen zeigen.

Fällt es Dir schwer, Dein Potenzial wirklich zu leben, obwohl Du Fähigkeiten und Ideen hast? Sabotierst Du Dich womöglich selbst kurz vor wichtigen Schritten? Oder definierst Du Deinen Wert ausschließlich über Leistung und Funktionieren?

Manche Betroffene überarbeiten sich, um nicht fühlen zu müssen. Andere haben Schwierigkeiten, Verantwortung zu übernehmen oder sichtbar zu werden, weil Erfolg unbewusst mit Sichtbarkeit und demnach mit Gefahr verbunden ist.


5. Sichtbarkeit und Selbstausdruck

Sichtbar zu sein bedeutet, gesehen zu werden. Für viele Betroffene ist genau das mit großen Ängsten verbunden. Wenn „gesehen werden“ früher mit Angst, Scham oder Ausgeliefertsein verbunden war, kann öffentliche Präsenz im Erwachsenenalter innere Alarmreaktionen auslösen.

Vielleicht möchtest Du Dich zeigen – mit Deiner Meinung, Deiner Kreativität, Deinem Wissen – und gleichzeitig taucht eine diffuse Angst auf. Vielleicht hast Du gelernt, Dich klein zu machen, nicht aufzufallen, Dich lieber zurückzuhalten.

6. Körperwahrnehmung und Gesundheit

Trauma wird im Körper gespeichert. Viele Betroffene berichten von chronischer Anspannung, Schlafproblemen, diffusen Schmerzen oder einem Gefühl von Taubheit.

Hast Du Schwierigkeiten, Deinen Körper wirklich zu spüren? Oder plagen Dich ständige körperliche Beschwerden? Vielleicht fühlst Du Dich auch einfach schnell überreizt und überfordert?

Manche entwickeln ein angespanntes Verhältnis zu ihrem Körper, zu Essen oder zu Bewegung. Der Körper wird entweder kontrolliert oder gemieden und selten einfach liebevoll bewohnt.

7. Emotionale Regulation

Starke Gefühlsausbrüche, plötzliche Erstarrung oder innere Leere können Hinweise darauf sein, dass alte Erfahrungen noch im Nervensystem wirken.

Vielleicht reagieren Deine Gefühle manchmal intensiver, als es die Situation erklären würde. Oder Du spürst lange Zeit gar nichts und funktionierst nur. Beides sind Schutzmechanismen, die einst sinnvoll waren – heute aber zur Belastung geworden sind.

8. Umgang mit Kindern oder Autoritäten

Häufig werden alte Dynamiken aktiviert, wenn Kontakt mit Kindern oder auch mit Autoritätspersonen besteht. Kinder können eigene verletzte Anteile berühren. Autoritäten können unbewusst an die frühere Ohnmacht erinnern.  

Folgen von Missbrauch - Umgang mit Kindern

Vielleicht fällt es Dir schwer, klare Grenzen zu setzen.
Oder Du reagierst übermäßig sensibel auf Kritik oder Machtgefälle.

Diese inneren Konflikte sind oft schwer auszuhalten. Sie berühren tiefe, schmerzhafte Erinnerungen. Und sie machen deutlich, wie stark Trauma generationsübergreifend wirken kann, wenn es nicht bewusst angeschaut wird.

Gerade in solchen Bereichen wird oft klar, dass zusätzliche therapeutische Begleitung sinnvoll und entlastend sein kann. Manche Themen lassen sich nicht allein lösen.

All diese Bereiche zeigen, dass die Folgen von Trauma und Missbrauch nicht auf einen einzelnen Aspekt begrenzt sind. Sie durchziehen häufig Dein gesamtes Erleben – von der Beziehung zu Dir selbst bis hin zu Deiner Rolle in der Welt.

Traumaheilung bedeutet nicht, keine Verletzungen mehr zu haben oder die Folgen von heute auf morgen zu beseitigen. Sie bedeutet vielmehr, dass die Verletzungen nicht länger Dein Leben bestimmen. Dafür braucht es den Mut, immer wieder hinzuschauen und das zu fühlen, was sich zeigt – in Deinem Tempo und nur so weit, wie es sich für Dich stimmig anfühlt.

Wenn Du Dir Deiner Traumatisierungen bewusst wirst, kannst Du nach und nach auch Deine Überlebensmechanismen erkennen. Eigenschaften, die Dir einst geholfen haben zu überleben, dürfen sich dann wandeln. Aus Schutzstrategien können Ressourcen werden. Aus Anpassung kann Selbstbestimmung entstehen.

Sexueller Missbrauch - Schritte zur Heilung

Sexueller Missbrauch in der Kindheit - Schritte der Heilung

Wenn Du gerade dein Eindruck hast, dass Dir Dein Leben aus den Händen gleitet oder Du den Boden unter den Füßen verlierst, weil sexueller Missbrauch aus Deiner Kindheit sich in Dein Bewusstsein drängt, soll dieser Beitrag Dir aufzeigen, wie Du Einfluss auf die belastende Situation nehmen kannst.

Welche Stärken hast Du durch die Traumatisierungen und den Missbrauch entwickelt?

Viele Betroffene haben über Jahre hinweg schlicht überlebt. Manche haben sich betäubt – durch Substanzen, durch Arbeit, durch ständiges Funktionieren oder durch innere Abspaltung. Andere haben auf ganz unterschiedliche Weise versucht, ihren Alltag irgendwie zu bewältigen.

Rückblickend kann dabei oft das Gefühl entstehen, wertvolle Lebenszeit verloren zu haben. Vielleicht taucht auch die Frage auf: Wo würde ich heute stehen, wenn meine Kindheit anders verlaufen wäre? So verständlich diese Gedanken sind – die Vergangenheit lässt sich nicht zurückdrehen. Die Frage nach dem „Was wäre gewesen, wenn …?“ führt selten weiter.

Heilsamer ist es, den Blick auf das Hier und Jetzt zu richten: Wer bist Du heute – MIT den Erfahrungen, die Du machen musstest? Welche Fähigkeiten haben Dir damals das Überleben ermöglicht? Und welche dieser Eigenschaften zeigen sich heute als wertvolle Stärken?

Es geht nicht darum, das Erlebte zu beschönigen, sondern darum, Dein gesamtes Bild zu sehen. Im Folgenden findest Du einige Stärken, die Du aus Deinen Traumatisierungen ableiten kannst. Welche entdeckst Du bei Dir selbst noch?

Autonomie
Als Kind habe ich nicht die Zuwendung und Nähe erfahren, die ich verdient und gebraucht hätte. Zudem waren die Erfahrungen, die ich mit Nähe machen musste, zutiefst verletzend und verwirrend für mich. Aus diesem Grund habe ich mir früh angeeignet allein zurecht zu kommen. Noch heute höre ich meine Mutter, wie sie mich dafür lobte, dass ich mich so gut allein beschäftigen konnte. Was damals aber eine Notlösung war, kann ich heute als Stärke betrachten. Durch das Alleinsein habe ich gelernt allein Lösungen für meine Probleme zu finden. Heute weiß ich, dass ich alles schaffen kann, wenn ich nur will.  

Optimismus
Um die schrecklichen Geschehnisse meiner Vergangenheit zu überleben, brauchte ich viele Überlebensstrategien. Eine davon war, mein Umfeld zu idealisieren und Kleinigkeiten etwas Positives abzugewinnen. Im Laufe der Zeit wurde daraus die Fähigkeit, die Dinge aus einer optimistischen Perspektive zu betrachten. So gelingt es mir, in allen Geschehnissen seien sie auch noch so schlimm, die Lernaufgaben und Geschenke zu erkennen.

Optimistische Frau

Resilienz & Durchhaltevermögen
Meine gesamte Kindheit hindurch war ich gezwungen, in einem traumatisierenden Umfeld auszuharren. Auch als ich als neunjähriges Mädchen plötzlich in dem angsteinflößenden Umfeld der psychiatrischen Klinik zurechtkommen musste, habe ich mithilfe innerer Ressourcen überlebt. Ich habe mir eine große Widerstandsfähigkeit angeeignet und gelernt, Krisensituationen durchzustehen. Du kannst Dir sicher vorstellen, dass Resilienz und Durchhaltevermögen Fähigkeiten sind, die mir in vielerlei Lebenslagen zu Gute kommen.  

Achtsamkeit
Um zusätzlichen Gefahren aus dem Weg zu gehen, musste ich als Kind meine Umgebung permanent nach Solchen abscannen. Ich glaube, dass meine sechs Sinne heute deshalb so ausgeprägt sind, weil ich sie früher dazu einsetzen musste, nahende Bedrohungen frühzeitig zu erkennen. Durch diesen Wachsamkeitsmodus habe ich gelernt, Menschen und Situationen aufmerksam zu beobachten. Dabei nehme ich Details wahr, die andere gar nicht bemerken, was mir wiederum ermöglicht, gut auf andere Menschen einzugehen.

Humor
Obwohl auch mein Vater mich auf verschiedene Arten missbraucht hat und ich mich vor ihm gefürchtet habe, wenn er an den Wochenenden betrunken nach Hause kam, war er in meiner Familie mein Anker. Er war der Einzige, der Zeit mit mir verbrachte und viel mit mir rumalberte. Eine seiner stärksten Überlebensstrategien war Spaß und die habe ich mir von ihm abgeschaut. Lange Zeit verhinderte diese Strategie bei mir, dass ich mich selbst ernst nehmen konnte. Aber meine humorvolle Art hat mir im Leben viele Türen geöffnet, sowohl bei Freundschaften als auch im Beruf. Heute nehme ich mich ernst und kann mit Stolz auf meine Fähigkeit blicken, angespannte Situationen aufzulockern und Menschen zum Lachen zu bringen.

Kreativität
Weitere wichtige Überlebensstrategien in meiner Kindheit waren für mich Malen, Basteln und Schreiben. Wenn ich gemalt oder gebastelt habe, konnte ich alles um mich herum vergessen. Ich bin richtig abgetaucht in die Welt meiner Bilder und Kunstobjekte. Später lebte ich meine Kreativität im Schreiben von Tagebüchern, Gedichten, Kurzgeschichten und Jugendromanen. Heute im Schreiben von Blogbeiträgen. Mein kreatives Denken und mein Sinn für Ästhetik sind Stärken, für die ich heute sehr dankbar bin.

Es sind im Leben oft unsere Verletzungen, die uns dazu bringen, in neue Richtungen zu denken und die die Tür zu unserem wahren Selbst zu öffnen. Wir erfahren uns und unsere Gefühle auf einer tieferen Ebene und dürfen in sämtlichen Lebensbereichen neu lernen, sobald wir uns unseren Wunden zuwenden.

Diese Übung hilft Dir nicht nur dabei, den Blick auf die Traumatisierungen zu richten, sondern auch die eigenen Überlebensmechanismen von damals im Jetzt als Stärken zu erkennen.

Wenn es Dir schwerfällt, Fähigkeiten oder Stärken bei Dir zu identifizieren, kannst Du auch die Übung für mehr Selbstwertgefühl auf meiner Für Dich-Seite machen. Sie kostet Dich nur 60 Minuten und wird Dir unmittelbar zu einem besseren Selbstwertgefühl verhelfen!

Viel Freude beim selber Durchführen der Übung!

Schön, dass Du da bist!

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2 Kommentare zu „Missbrauch und Trauma als Chance? Übung mit persönlicher Bestandsaufnahme“

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